JAHRESZEITEN · FRÜHLING
Was bleibt, wenn der Winter geht
Ich trete vor die Tür und ziehe die Schultern instinktiv hoch. Der Wind, der um die Hausecke streift, trägt noch diese vertraute Kälte in sich — ein Echo der dunklen Monate, das sich hartnäckig in meinen Kleidern verfangen will. Und doch. Schon auf dem Weg zum Garten spüre ich, wie sich die Luft wandelt ...
Es liegt ein Leuchten über allem, das fast wehtut vor Klarheit.
Ich bleibe im Windschatten der alten Mauer stehen. Hier, wo die Böen nicht hinkommen, bricht die Sonne mit einer Kraft durch, die mich die Augen schließen lässt. Innerhalb von Sekunden weicht die Gänsehaut einer tiefen, ehrlichen Wärme. Es ist dieser magische Moment im April, in dem sich mein ganzer Körper erinnert — nicht an etwas Gedachtes, sondern an etwas Gewusstes. Das Herz wird mit einem Mal weit. Als hätte jemand ein Fenster in meiner Brust aufgestoßen.
Mein Körper weiß, wie Erneuerung sich anfühlt.
Ich vertraue diesem Wissen.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, was die Kälte überdauert hat. Die Kirschbäume tragen ein Geflecht aus Knospen, so prall, dass sie fast zu zittern scheinen.Das Grün bricht überall hervor — kein Zögern mehr, kein Tasten, sondern ein stilles, triumphales Drängen. Unter dem Apfelbaum leuchten die Tulpen in einem Rot, das gegen das kühle Blau des Himmels beinahe elektrisch wirkt. Die Erde zeigt, was sie die ganze Zeit in sich getragen hat. Sie hat nie aufgehört zu wissen, was kommt.
Im Ayurveda nennen wir diesen Zustand Sattva — Klarheit, Reinheit, inneres Gleichgewicht. Nicht das Fehlen von Schatten. Sondern dieser Moment, in dem das Licht wieder überwiegt. Wenn der Körper sich öffnet und die Sinne wieder scharf werden. Wenn man atmet und es sich anfühlt wie: Ja. Genau das.
Was in mir schlummert, darf erwachen.
Ich muss es nicht erzwingen.
Und dann ist da dieser Duft. Schwer zu greifen — eine Mischung aus jungem Gras, warmer Rinde, der ersten süßen Ahnung von Flieder. Es ist der Geruch von Aufbruch. Von allem, das sich bereit gemacht hat, ohne dass ich es sehen konnte. Es braucht keine große Geste. Es braucht nur diesen einen Atemzug, und das, was sich im Winter zugezogen hat, beginnt sich zu lösen.
Ich lasse die kühle Brise in mein Gesicht wehen und spüre die Sonne auf meiner Haut. Es gibt nichts zu tun. Nichts zu entscheiden. Nur diesen Moment, in dem das Leben zeigt, dass es nie aufgehört hat — und darauf wartet, dass auch ich mich daran erinnere.
Was bleibt, wenn der Winter geht? Die Erkenntnis, dass das Leben nur gewartet hat. Dass die Wärme stärker ist als der Wind. Dass die Welt, egal wie lange sie geruht hat, immer wieder weiß, wie man blüht.
Und du weißt es auch.
Ich bin bereit.
Das Licht gehört dem Jetzt.
Möge auch in dir heute etwas auftauen,
das den Winter lang auf seinen Frühling gewartet hat.
Wenn dich bewegt, was hier steht — ich schreibe weiter.
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